ENA

Berichte aus dem Dojo

Haute Niveau Lehrgang mit Tamura Sensei, Mai 2008

Die folgenden Artikel sind aus der Zeitschrift "Shumeikan", welche auf französisch in Frankreich erscheint. Sie erschienen anlässlich eines Haute Niveau Lehrgangs mit Tamura Sensei im Shumeikan Dojo Wien im Mai 2008:

Aikido und Schwangerschaft

Da es in den meisten Dojos nur wenige oder überhaupt keine Mütter unter den Aikidokas gibt, und daher auch kaum Ansprechpersonen bezüglich eines Trainings während der Schwangerschaft vorhanden sind, möchten wir hier unsere Erfahrungen kurz erzählen. Wir, Karin (1.Dan) und Marieke (2.Kyu), hoffen, damit alle zukünftigen Mütter beim Aikidotraining in der Zeit vor und nach der Geburt ein wenig zu unterstützen.

Karin und Marieke mit Babys
Karin mit Philipp und Marieke mit Hannah

Bereits zu Beginn der Schwangerschaft war für mich (Karin) klar, dass ich weiterhin Aikido trainieren möchte, solange es körperlich möglich ist. Abseits jeglicher Extreme (weiter zu trainieren wie vorher oder ganz aufzuhören) wollte ich mir erst selbst ein Bild machen, inwieweit dies realistisch ist. Im Shumeikan Dojo haben wir die Möglichkeit, neben dem regulären Training auch in einem freien Training Aikido zu üben. Gemeinsam mit drei weiteren Aikidokas unseres Dojos trainierte ich so erstmals während der Schwangerschaft. Bei diesem Training konnte ich für mich selbst das Tempo bestimmen und in Ruhe spüren, welche Bewegungen und Techniken für meinen Körper damals okay waren bzw. welche ich etwas vorsichtiger machen sollte. Dies war bei mir in der neunten Woche, da ich vor dem Training unbedingt einen Arztbesuch abwarten wollte, um etwaige Komplikationen auszuschließen.
Ich habe dann bis ins siebte Monat mittrainiert, wobei ich vor allem die Anzahl der Ukemis stark eingeschränkt habe. Anfangs eher auf Grund der Übelkeit und später, weil mir das Aufstehen schon recht schwer fiel. Die meisten Techniken konnte ich jedoch ganz normal mitmachen und wenn die während der Schwangerschaft übliche Müdigkeit zu groß war, habe ich oftmals das Training früher beendet. Da mir die Bewegungen des Aikido bereits recht vertraut waren und ich eben nur soweit mitmachte, wie es mir gut tat, war gerade das Training während der Schwangerschaft für mich auch bereichernd. Die Gedanken waren damals doch verstärkt bei dem Baby, wodurch es für mich ganz selbstverständlich war auch jederzeit zu spüren, welche Bewegung zu viel sein könnte. Dies war für mich eine interessante Erfahrung, welche eigentlich auch für das alltägliche Training eine Rolle spielt. Eben auf schwächere bzw. niedriger graduierte Aikidokas Rücksicht nehmen. Ein weiterer Aspekt war die besondere Aufmerksamkeit für das Verhalten des Ukes. Natürlich sollte beim Aikido immer auf die Bewegungen des Ukes Acht gegeben werden, aber während der Schwangerschaft vermehrte sich dies bei mir ganz von selbst. Das etwas veränderte Körpergefühl schränkt zwar einige Bewegungen ein, führt aber dafür zu manchen anderen Wahrnehmungen, die aus meiner Sicht gerade für das Aikidotraining eine Bereicherung darstellen.
Da es bei der Geburt keine Komplikationen gab, konnte ich acht Wochen danach schon wieder mit dem Training beginnen. Die ersten Rollen fühlten sich noch etwas unrund an, doch fand ich mich schnell wieder zurecht. Seit mein Sohn Philip vier Monate alt ist und ich wieder zu arbeiten begonnen habe ist nun eine gute Organisation gefragt um Zeit für ein regelmäßiges Training zu finden. Aber auch für meinen Mann und Philip ist es ganz abwechslungsreich wenn sie ein paar Stunden ohne mich auskommen und ich genieße es wieder das Aikidotraining zu besuchen. Aikido war für mich während der Schwangerschaft sehr bereichernd. Ebenso ist es das auch jetzt nach der Geburt für das doch herausfordernde Leben einer jungen Mutter. (Karin)

* * *

Das Aikidotraining war vor der Schwangerschaft ein wichtiger Bestandteil meines Alltags und ich (Marieke) freute mich vor jedem Training schon wieder darauf. Ich wollte unbedingt so lange wie möglich mit Baby im Bauch trainieren. Als ich erst ein paar Tage lang wußte, dass ich schwanger war, stand das nächste normale Aikidotraining an. Ich ging hin und dachte mir - vorsichtig trainieren, keine Schläge in den Bauch bekommen, keine harten Würfe. Während des Trainings hat mich allerdings das Gefühl überwältigt, etwas Schützenswertes in meinem Bauch zu haben und ich konnten mich unmöglich auf Aikido und das neue Leben in mir gleichzeitig konzentrieren. Ich habe das Training mittendrin beendet.
Nicht lange danach fand ein Lehrgang mit unserem Lehrer Claude Pellerin statt und ich nahm wie gewohnt teil. Mittlerweile war ich schon etwas besser mit der Tatsache vertraut, schwanger zu sein, und wollte einfach gerne Aikido trainieren. Ich hatte auch, vor allem am Abend, etwas mit Übelkeit zu kämpfen und das Aikidotraining half mir, mich wohler zu fühlen. Ich teilte Claude während des Trainings mit, dass ich schwanger wäre. Er freute sich, aber riet mir dringend, kein Ukemi zu machen - so lange, bis ich von meiner Ärztin bestätigt bekommen würde, dass mit der Schwangerschaft alles in Ordnung wäre. Er meinte, die erste Zeit wäre sehr heikel. Das überraschte mich, aber ich befolgte seinen Rat - glücklich, von einer Person, der ich sehr vertraue, klare Worte zu hören. Also trainierte ich ohne Ukemi weiter. Ich machte die Erfahrung, dass es sehr bereichernd war auf die von mir so geliebten Ukemi zu verzichten. Es brachte einen ganz anderen Rhythmus in die Übungen und half mir, in einen ruhigen Fluss zu kommen, durch den ich nuancenreicher in meinen Körper hinein spüren konnte. Ich erinnere mich an den Lehrgang mit Tamura Sensei kurze Zeit später in Graz, bei dem ich ausschließlich mit meinem Lebensgefährten ganz ruhig in einer Ecke ohne Ukemi trainierte. Es war ein wunderschönes Erlebnis der Gemeinsamkeit.
Meine Ärztin bestätigte mir bald die Schwangerschaft und gab mir grünes Licht für sportliche Betätigung. Ich habe sie allerdings nicht konkret zu ihrer Meinung bezüglich des Aikidotrainings während der Schwangerschaft gefragt. Ich dachte mir, sie würde mir sicherlich, so wie ich es auch an vielen Stellen lesen konnte, von "Kampfsport" generell abraten und nicht zwischen den verschiedenen Disziplinen unterscheiden.
Ich hatte das Bedürfnis, mich zu bewegen und begann wieder vorsichtig mit Ukemis. Ich merkte ganz stark, wie mein Körper seine Energien für das wachsende Wesen verwendete und mir deswegen ganz schnell die Luft ausging. Ich war plötzlich gezwungen, langsam zu trainieren und mir meine Kräfte anders als früher einzuteilen.
Im zweiten Schwangerschaftsdrittel kamen die Kräfte wieder. Ich genoss mein persönliches "Schwangerschafts-Aikido" und die Freundschaft mit den Trainern und Trainingskollegen. Die Trainer unterstützten mich dabei, so lange weiter zu trainieren, solange ich mich wohl fühlte. Alle reagierten sehr freundlich und trainierten sehr rücksichtsvoll mit mir. Es war eine gute Übung für mich, meinen Trainingspartner oder meine Trainingspartnerin um mehr Vorsicht zu bitten, wenn es mir doch einmal zu wild wurde. Sehr wichtig war mir auch, dass mein Lebensgefährte bei allen Trainings dabei und immer in der Nähe war. Auch er war der Meinung, dass ich unbedingt weiter trainieren sollte und er vermittelte mir das Gefühl, dass er sich um unser Baby keine Sorgen machte. Das half mir enorm, das Training zu genießen. Ich selbst hatte eigentlich keine Angst, dass dem Baby etwas passieren könnte. Ich verzichtete auf harte Würfe und bemühte mich "babygerecht" zu rollen. Das machte mir großen Spaß. Ich stellte mir vor, dass es auch dem Baby gefallen würde.
Ich spürte vor allem bei den Dehnungsübungen, dass mein Bauch größer wurde. Der Gi bzw. vor allem der Hakama war nicht mehr bequem zu tragen. Als ich mich bei den Fixierungen am Boden etwas zur Seite drehen musste, damit mein ganzes Gewicht nicht auf dem Bauch landete, konnte ich mich dem Training nicht mehr so ohne weiteres hingeben. Das Baby war schon so real in meinem Bauch und mir gelang es nicht so gut, Aikido MIT Baby zu machen. Dafür hätte ich alles noch bedächtiger machen müssen, aber mir fiel es nicht leicht, mich dem viel schnelleren Trainingsrhythmus zu entziehen. Ich hatte es mir im Vorfeld einfacher vorgestellt, aber im 6.Monat wurde es mir langsam zu viel und ich hörte langsam mit dem Training auf. Statt dessen machte ich nun Yoga für Schwangere. Es passte wunderbar als Ersatz für mein heiß geliebtes Aikido und machte mir ebenfalls viel Freude.
Meine Schwangerschaft verlief ganz unkompliziert und bis auf ein bisschen Übelkeit zu Beginn unbeschwerlich. Körperlich anstrengend aufgrund des Bauches fand ich es erst in den allerletzten zwei Wochen. Ich hatte glücklicherweise keinerlei Rückenbeschwerden. Ich bin sicher, dass das Aikido sehr viel dazu beigetragen hat. Auch habe ich das Hineinfühlen in meinen Körper, den achtsamen Umgang mit ihm, bereits gut aus dem Training gekannt. Auf den Tatamis habe ich versucht herauszufinden, wie ich meinen Körper in geeigneter Weise verwenden kann, um eine Technik auszuführen. In ähnlicher Weise habe ich mich während der Schwangerschaft mit meinem Babybauch durch den Alltag bewegt!
Nun ist Hannah geboren und schon 9 Monate alt! Vier Monate nach der Geburt habe ich mich körperlich wieder bereit für Aikido gefühlt. Ich musste mich während der ersten Trainings allerdings erst wieder „sortieren“! Meine Bauchmuskeln waren noch spürbar geschwächt. Erstaunlicherweise war die Schwangerschaft aber auch im Positiven nicht spurlos vorüber gegangen. Ich glaube, ein bisschen vom Gefühl für das große, dicke Zentrum zurückbehalten zu haben! So richtig regelmäßig einmal pro Woche ins Dojo gehe ich erst wieder seit Hannah 6 Monate alt ist und ich wieder ein paar Stunden arbeite. So eine Art Alltag ist wieder eingekehrt, in dem neben dem neuen und aufregenden Elternsein auch das Aikido seinen wichtigen Platz hat. (Marieke)

Wir freuen uns über Rückmeldungen und einen Austausch mit anderen Schwangeren und Müttern:

kkosulin [at] hotmail [dot] com (Karin)

kalibrera [at] gmx [dot] net (Marieke)

Wir wünschen Euch viel Spaß mit Aikido und alles Gute für die Schwangerschaft!