Berichte aus dem Dojo
Haute Niveau Lehrgang mit Tamura Sensei, Mai 2008
Da es in den
meisten
Dojos nur wenige oder überhaupt keine Mütter unter
den Aikidokas gibt, und daher auch kaum Ansprechpersonen bezüglich
eines Trainings während der Schwangerschaft vorhanden sind, möchten wir
hier unsere Erfahrungen kurz erzählen. Wir, Karin
(1.Dan) und Marieke
(2.Kyu), hoffen, damit alle zukünftigen Mütter beim Aikidotraining in
der Zeit vor und nach der Geburt ein wenig zu unterstützen.
Bereits zu Beginn der Schwangerschaft war für mich
(Karin) klar, dass ich weiterhin Aikido trainieren möchte, solange es
körperlich möglich ist. Abseits jeglicher Extreme (weiter zu trainieren
wie vorher oder ganz aufzuhören) wollte ich mir erst selbst ein Bild
machen, inwieweit dies realistisch ist. Im Shumeikan Dojo haben wir die
Möglichkeit, neben dem regulären Training auch in einem freien Training
Aikido zu üben. Gemeinsam mit drei weiteren Aikidokas unseres Dojos
trainierte ich so erstmals während der Schwangerschaft. Bei diesem
Training konnte ich für mich selbst das Tempo bestimmen und in Ruhe
spüren, welche Bewegungen und Techniken für meinen Körper damals okay
waren bzw. welche ich etwas vorsichtiger machen sollte. Dies war bei
mir in der neunten Woche, da ich vor dem Training unbedingt einen
Arztbesuch abwarten wollte, um etwaige Komplikationen auszuschließen. * * * Das
Aikidotraining war vor der Schwangerschaft ein wichtiger Bestandteil
meines Alltags und ich (Marieke) freute mich vor jedem Training schon
wieder darauf. Ich wollte unbedingt so lange wie möglich mit Baby im
Bauch trainieren. Als ich erst ein paar Tage lang wußte, dass ich
schwanger war, stand das nächste normale Aikidotraining an. Ich ging
hin und dachte mir - vorsichtig trainieren, keine Schläge in den Bauch
bekommen, keine harten Würfe. Während des Trainings hat mich allerdings
das Gefühl überwältigt, etwas Schützenswertes in meinem Bauch zu haben
und ich konnten mich unmöglich auf Aikido und das neue Leben in mir
gleichzeitig konzentrieren. Ich habe das Training mittendrin beendet.
Wir freuen uns über Rückmeldungen und einen Austausch mit anderen
Schwangeren und Müttern:
Wir wünschen Euch viel Spaß mit Aikido und alles Gute für die
Schwangerschaft!
Aikido und
Schwangerschaft
Ich
habe dann bis ins siebte Monat mittrainiert, wobei ich vor allem die
Anzahl der Ukemis stark eingeschränkt habe. Anfangs eher auf Grund der
Übelkeit und später, weil mir das Aufstehen schon recht schwer fiel.
Die meisten Techniken konnte ich jedoch ganz normal mitmachen und wenn
die während der Schwangerschaft übliche Müdigkeit zu groß war, habe ich
oftmals das Training früher beendet. Da mir die Bewegungen des Aikido
bereits recht vertraut waren und ich eben nur soweit mitmachte, wie es
mir gut tat, war gerade das Training während der Schwangerschaft für
mich auch bereichernd. Die Gedanken waren damals doch verstärkt bei dem
Baby, wodurch es für mich ganz selbstverständlich war auch jederzeit zu
spüren, welche Bewegung zu viel sein könnte. Dies war für mich eine
interessante Erfahrung, welche eigentlich auch für das alltägliche
Training eine Rolle spielt. Eben auf schwächere bzw. niedriger
graduierte Aikidokas Rücksicht nehmen. Ein weiterer Aspekt war die
besondere Aufmerksamkeit für das Verhalten des Ukes. Natürlich sollte
beim Aikido immer auf die Bewegungen des Ukes Acht gegeben werden, aber
während der Schwangerschaft vermehrte sich dies bei mir ganz von
selbst. Das etwas veränderte Körpergefühl schränkt zwar einige
Bewegungen ein, führt aber dafür zu manchen anderen Wahrnehmungen, die
aus meiner Sicht gerade für das Aikidotraining eine Bereicherung
darstellen.
Da es bei der Geburt keine Komplikationen gab, konnte
ich acht Wochen danach schon wieder mit dem Training beginnen. Die
ersten Rollen fühlten sich noch etwas unrund an, doch fand ich mich
schnell wieder zurecht. Seit mein Sohn Philip vier Monate alt ist und
ich wieder zu arbeiten begonnen habe ist nun eine gute Organisation
gefragt um Zeit für ein regelmäßiges Training zu finden. Aber auch für
meinen Mann und Philip ist es ganz abwechslungsreich wenn sie ein paar
Stunden ohne mich auskommen und ich genieße es wieder das
Aikidotraining zu besuchen. Aikido war für mich während der
Schwangerschaft sehr bereichernd. Ebenso ist es das auch jetzt nach der
Geburt für das doch herausfordernde Leben einer jungen Mutter. (Karin)
Nicht
lange danach fand ein Lehrgang mit unserem Lehrer Claude Pellerin statt
und ich nahm wie gewohnt teil. Mittlerweile war ich schon etwas besser
mit der Tatsache vertraut, schwanger zu sein, und wollte einfach gerne
Aikido trainieren. Ich hatte auch, vor allem am Abend, etwas mit
Übelkeit zu kämpfen und das Aikidotraining half mir, mich wohler zu
fühlen. Ich teilte Claude während des Trainings mit, dass ich schwanger
wäre. Er freute sich, aber riet mir dringend, kein Ukemi zu machen - so
lange, bis ich von meiner Ärztin bestätigt bekommen würde, dass mit der
Schwangerschaft alles in Ordnung wäre. Er meinte, die erste Zeit wäre
sehr heikel. Das überraschte mich, aber ich befolgte seinen Rat -
glücklich, von einer Person, der ich sehr vertraue, klare Worte zu
hören. Also trainierte ich ohne Ukemi weiter. Ich machte die Erfahrung,
dass es sehr bereichernd war auf die von mir so geliebten Ukemi zu
verzichten. Es brachte einen ganz anderen Rhythmus in die Übungen und
half mir, in einen ruhigen Fluss zu kommen, durch den ich
nuancenreicher in meinen Körper hinein spüren konnte. Ich erinnere mich
an den Lehrgang mit Tamura Sensei kurze Zeit später in Graz, bei dem
ich ausschließlich mit meinem Lebensgefährten ganz ruhig in einer Ecke
ohne Ukemi trainierte. Es war ein wunderschönes Erlebnis der
Gemeinsamkeit.
Meine Ärztin bestätigte mir bald die
Schwangerschaft und gab mir grünes Licht für sportliche Betätigung. Ich
habe sie allerdings nicht konkret zu ihrer Meinung bezüglich des
Aikidotrainings während der Schwangerschaft gefragt. Ich dachte mir,
sie würde mir sicherlich, so wie ich es auch an vielen Stellen lesen
konnte, von "Kampfsport" generell abraten und nicht zwischen den
verschiedenen Disziplinen unterscheiden.
Ich hatte das Bedürfnis,
mich zu bewegen und begann wieder vorsichtig mit Ukemis. Ich merkte
ganz stark, wie mein Körper seine Energien für das wachsende Wesen
verwendete und mir deswegen ganz schnell die Luft ausging. Ich war
plötzlich gezwungen, langsam zu trainieren und mir meine Kräfte anders
als früher einzuteilen.
Im zweiten Schwangerschaftsdrittel kamen
die Kräfte wieder. Ich genoss mein persönliches
"Schwangerschafts-Aikido" und die Freundschaft mit den Trainern und
Trainingskollegen. Die Trainer unterstützten mich dabei, so lange
weiter zu trainieren, solange ich mich wohl fühlte. Alle reagierten
sehr freundlich und trainierten sehr rücksichtsvoll mit mir. Es war
eine gute Übung für mich, meinen Trainingspartner oder meine
Trainingspartnerin um mehr Vorsicht zu bitten, wenn es mir doch einmal
zu wild wurde. Sehr wichtig war mir auch, dass mein Lebensgefährte bei
allen Trainings dabei und immer in der Nähe war. Auch er war der
Meinung, dass ich unbedingt weiter trainieren sollte und er vermittelte
mir das Gefühl, dass er sich um unser Baby keine Sorgen machte. Das
half mir enorm, das Training zu genießen. Ich selbst hatte eigentlich
keine Angst, dass dem Baby etwas passieren könnte. Ich verzichtete auf
harte Würfe und bemühte mich "babygerecht" zu rollen. Das machte mir
großen Spaß. Ich stellte mir vor, dass es auch dem Baby gefallen würde.
Ich spürte vor allem bei den Dehnungsübungen, dass mein Bauch
größer wurde. Der Gi bzw. vor allem der Hakama war nicht mehr bequem zu
tragen. Als ich mich bei den Fixierungen am Boden etwas zur Seite
drehen musste, damit mein ganzes Gewicht nicht auf dem Bauch landete,
konnte ich mich dem Training nicht mehr so ohne weiteres hingeben. Das
Baby war schon so real in meinem Bauch und mir gelang es nicht so gut,
Aikido MIT Baby zu machen. Dafür hätte ich alles noch bedächtiger
machen müssen, aber mir fiel es nicht leicht, mich dem viel schnelleren
Trainingsrhythmus zu entziehen. Ich hatte es mir im Vorfeld einfacher
vorgestellt, aber im 6.Monat wurde es mir langsam zu viel und ich hörte
langsam mit dem Training auf. Statt dessen machte ich nun Yoga für
Schwangere. Es passte wunderbar als Ersatz für mein heiß geliebtes
Aikido und machte mir ebenfalls viel Freude.
Meine Schwangerschaft
verlief ganz unkompliziert und bis auf ein bisschen Übelkeit zu Beginn
unbeschwerlich. Körperlich anstrengend aufgrund des Bauches fand ich es
erst in den allerletzten zwei Wochen. Ich hatte glücklicherweise
keinerlei Rückenbeschwerden. Ich bin sicher, dass das Aikido sehr viel
dazu beigetragen hat. Auch habe ich das Hineinfühlen in meinen Körper,
den achtsamen Umgang mit ihm, bereits gut aus dem Training gekannt. Auf
den Tatamis habe ich versucht herauszufinden, wie ich meinen Körper in
geeigneter Weise verwenden kann, um eine Technik auszuführen. In
ähnlicher Weise habe ich mich während der Schwangerschaft mit meinem
Babybauch durch den Alltag bewegt!
Nun ist Hannah geboren und schon
9 Monate alt! Vier Monate nach der Geburt habe ich mich körperlich
wieder bereit für Aikido gefühlt. Ich musste mich während der ersten
Trainings allerdings erst wieder „sortieren“! Meine Bauchmuskeln waren
noch spürbar geschwächt. Erstaunlicherweise war die Schwangerschaft
aber auch im Positiven nicht spurlos vorüber gegangen. Ich glaube, ein
bisschen vom Gefühl für das große, dicke Zentrum zurückbehalten zu
haben! So richtig regelmäßig einmal pro Woche ins Dojo gehe ich erst
wieder seit Hannah 6 Monate alt ist und ich wieder ein paar Stunden
arbeite. So eine Art Alltag ist wieder eingekehrt, in dem neben dem
neuen und aufregenden Elternsein auch das Aikido seinen wichtigen Platz
hat. (Marieke)
kkosulin
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kalibrera
[at] gmx [dot] net (Marieke)